Die Werkstudentinnen Luzie und Vera entwickeln Seite an Seite mit erfahrenen Entwicklern Car-Apps im Frontendbereich. Wir haben sie gefragt, was man als Werkstudent in der Berufspraxis zu erwarten hat – und wie man sich als junge Frau in einer Männerdomäne Vertrauen erarbeitet.

Zwei junge Softwareentwicklerinnern in München
Die Entwicklerinnen Vera & Luzie sind seit ihres Informatik-Studiums eng befreundet.

Software-Entwicklerinnen sind rar, insbesondere in der Automobilindustrie. Ändert sich das gerade?

Luzie: Wir hoffen es, aber unsere Erfahrungen stimmen nicht wirklich optimistisch. Zu Beginn des Studiums waren wir viele Mädels, und am Ende waren wir nur noch zu dritt. In meinem Master bin ich in vielen Vorlesungen das einzige Mädchen.

 

Warum seid ihr drangeblieben?

Luzie: Bei mir kommt das wahrscheinlich aus meinem Familien-Background, mein Vater ist auch in dieser Branche. Wir hatten dann diese coolen Geräte zuhause, und das fand ich schon als Kind interessant. Ich habe dann in der Schule einen Wahlkurs in Informatik gemacht, und dann nahmen die Dinge ihren Lauf.  Nach dem Abi habe ich mich zwar für mehrere Studiengänge beworben, etwa auch für BWL, letztlich aber fiel die Entscheidung auf Wirtschaftsinformatik. Und ich habe schon im ersten Semester gemerkt, dass mir das echt Spaß macht. Außerdem muss ich gestehen, dass ich mich für schöne Autos und Technik interessiere (lacht).

Vera: Bei mir sind alle BWLer und deswegen wollte ich anfänglich auch etwas mit BWL machen. Die Entscheidung für Wirtschaftsinformatik kam daher, dass ich nicht nur BWL als Hauptfach haben wollte, sondern eher eine Kombination aus BWL und noch was anderem. Anfänglich habe ich an Mathe gedacht, aber durch Gespräche mit Freunden kam ich auf Wirtschaftsinformatik. Die Kombination hat mir gefallen, weil Informatik am Boomen war und immer noch ist.

 

Was tut ihr denn genau?

Vera: Grob gesagt: Wir entwickeln Car-Apps für Audi. Verständliche Beispiele wären da der Wetterdienst, der Nachrichtendienst oder die Point-Of-Interest-Suche, die dem Nutzer beispielsweise das passende Hotel mit hoher Bewertung bei Yelp empfehlen kann.

Luzie: Wir machen Frontend, also das, was der Nutzer letztlich im Auto zu sehen bekommt. Wir haben da eine Armada von Targets, die die HMIs – ergo: die jeweiligen Benutzeroberflächen im Auto – simulieren. Bei sogenannten Smoke-Tests schauen wir uns dann die einzelnen Applikationen an und checken, ob alles funktioniert wie es sollte.

Frontendentwicklerin bei IT-Dienstleister in München beim coden
Werkstudentin und Frontend-Entwicklerin Luzie Mertingk beim Coden eines Targets

Und wenn es das nicht tut?

Luzie: Fehleranalyse ist eher mäßig unterhaltsam, insbesondere wenn irgendetwas im Backend nicht stimmt. Da wird dann aus der geplanten Stunde gern mal ein Abend. Das gehört einfach dazu, wenn man Verantwortung tragen will.

 

Ihr macht das komplett autark?

Vera: Das ging eigentlich ganz schnell. Wir haben von Beginn an wie alle anderen Entwickler Tickets bearbeitet. Vor unserer ersten Demo wurden wir direkt mit einem End-to-End-Test betraut. Die Frameworks, die wir benutzten, sollten wir dann selbst bei Audi vorstellen. Da saßen dann sieben Leute von einem der größten Autohersteller überhaupt und wir durften unsere Arbeit nach wenigen Wochen als Werkstudentinnen präsentieren. Das haben wir anscheinend ganz gut gemacht, seitdem stellen wir bei jeder Demo unsere Tickets vor. Wenn ein Kunde wegen einer von mir betreuten Applikation anruft, wird das direkt zu mir weitergeleitet – das fühlt sich schon ziemlich cool an.

Luzie: Ich habe zum Beispiel die Alexa-Integration im e-tron mitentwickelt. Für einen Berufsanfänger ist es extrem motivierend, von Anfang an bei so einem Projekt dabei zu sein und Verantwortung zu bekommen. Wir wurden auch schon bei Audi ins Labor, in dem die neuen Fahrzeugmodelle und Technologien getestet werden, eingeladen um unsere Anwendungen auszuprobieren. Das ist schon ziemlich beeindruckend.

Frontendentwicklerin aus München bei der Entwicklung eines Connected Car Dienstes
Studentin mit Verantwortung - Vera entwickelt komplett eigenständig Connected Car Frontend Software für Audi

Angesichts des hohen Qualitäts- und Zeitdrucks der Branche: Ist das wirklich immer alles so rosig?

Vera: Klar gibt es manchmal Stress, aber das ist wahrscheinlich überall so. Vielleicht hatten wir einfach Glück mit dem Team. Wir haben uns anfangs kaum getraut Fragen zu stellen, weil wir sie nicht stören wollten. Die Kollegen kamen dann aber, wenn sie Luft hatten, aktiv auf uns zu und haben uns unterstützt, wo sie konnten. Auch bei unserer Bachelorarbeit, die wir zusammen – also Luzie, ich und das Team – gemacht haben.

 

Was war das Thema?

Vera: Das war eine praktische Bachelorarbeit, wir haben eine Car-App entwickelt, mit der man seinen Standort teilen kann. Vereinfacht formuliert: Luzie sitzt im Auto und fährt los, je nach Verkehrslage kann die Ankunftszeit stark variieren. Wenn Luzie möchte, schickt sie mir aus dem Auto eine Benachrichtigung auf mein Handy und ich kann nachverfolgen, wo sie gerade ist. That’s it. Das waren insgesamt drei Anwendungen: Die Backendanwendung, die Luzie und ich zusammen programmiert haben, dann die Car-App selbst, die Luzie entwickelt hat, sowie die mobile App, die ich geschrieben habe.

Luzie: Unser Team hat uns dabei super unterstützt, es wurde ein gemeinsamer Scrum Ablauf etabliert, die Rollen des Scrum Master und Product Owner wurden vom Team gestellt. Irgendjemand hatte immer ein offenes Ohr, und das ist heute noch so. In der Uni war das ein wenig anders. Da hatten wir viele Gruppenprojekte, in denen wir gemerkt haben, dass man nicht ernst genommen wird als Blondine (lacht). In manchen Arbeitsgruppen wurden wir komplett ignoriert, da gab es schon ein paar unangenehme Situationen. Ich persönlich finde das aber nicht schlimm.

Vera: Es ist generell so, dass wir das nicht so ernst nehmen. Dass man auf den Arm genommen wird, wenn man etwas falsch macht oder nicht versteht, blüht jedem von Zeit zu Zeit. Wir schieben das dann auf unsere Haarfarbe (lacht). Die Blondinenwitze machen wir also selbst.

 

Angesichts der kurzen Innovationszyklen in der Softwareentwicklung: Wie gut wird man von der Uni auf das Leben danach vorbereitet?

Vera: Man lernt das Grundgerüst, die Basics. Nicht aber, wie das Ganze dann tatsächlich in der Praxis funktioniert – sowohl die Tools, als auch die Methodik betreffend.

Luzie: Wie oft haben wir uns in der Uni mit Scrum auseinandergesetzt und die Rollen des Scrum Master und Product Owner auswendig gelernt? Um dann festzustellen, dass es, wenn es ernst wird, komplett anders läuft.

 

Was machen denn die Kommilitonen so?

Luzie: Manche arbeiten in Startups oder als Freelancer, viele aber auch in Riesenfirmen mit fancy Namen. In diesen großen Konzernen haben Werkstudenten meist weniger Freiheiten. Eine Kommilitonin arbeitet zum Beispiel bei, äh, einem bayerischen OEM. Die muss wirklich den ganzen Tag nur Software testen – das wäre mir zu monoton.

 

Wie geht es denn jetzt bei euch weiter nach dem Studium?

Vera: Jetzt heißt es erstmal den Master zu beenden. Wenn danach ein Angebot von Valtech Mobility käme, wäre ich definitiv nicht abgeneigt (lacht).

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